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Die entführung

Am Spätnachmittag des 4. Mai 1521 wird die Reisegruppe um Martin Luther im Glasbachgrund bei Steinbach – nahe dem heutigen Bad Liebenstein – überfallen. Die Hilfeschreie der Reisenden bleiben ungehört, ein Passagier kann in den Wald entkommen, aber die vermummten Reiter haben es nur auf eine Person abgesehen…

Alles beginnt dreieinhalb Jahre zuvor, als Martin Luther seine Kirchenkritik am Ablasshandel formuliert. Der junge Professor an der Wittenberger Universität sendet am 31. Oktober 1517 entsprechende Briefe an den Erzbischof von Magdeburg und Mainz, Albrecht von Brandenburg, und den Ortsbischof von Wittenberg, Hieronymus Schultz, sowie an seinen Ordensbruder Johannes Lang in Erfurt. Doch deren Inhalt bleibt nicht lange geheim: Schnell werden Luthers 95 Thesen der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht – der Buchdruck macht das möglich. Die Resonanz ist gewaltig, so gewaltig, dass sie nicht nur die Kirche in Deutschland aufrührt, sondern auch in Rom gehört wird. Klagen gegen Luther werden eingereicht und es folgt die Vorladung zum Verhör bei Papst Leo X. Mit diplomatischem Geschick kann Luthers sächsischer Landesherr, Friedrich der Weise, dies in eine Befragung in Deutschland umwandeln. Knapp ein Jahr nach der Erstveröffentlichung stellt sich Luther in Augsburg dem Papstgesandten. Auch wenn das päpstliche Interesse an Deutschland eher gering ist, so soll doch schnell eine Einigung erzielt werden. Dank seines rhetorischen Geschicks entgeht Luther einer sofortigen Verurteilung und entzieht sich durch Flucht einer späteren Verhaftung. Friedrich der Weise verweigert kurze Zeit später seine Auslieferung an Rom. Damit kommt das Verfahren erst einmal zum Stillstand – die Verhandlungen über die Kaisernachfolge bestimmen zunächst die Politik der Kurfürsten und des Papstes.

Luther nutzt die Zeit, um seine Gedanken und Thesen weiter auszuformulieren. Aus der Kritik am Ablasshandel wird eine Grundsatzkritik, die in der Tradition verurteilter Häretiker wie John Wyclif und Jan Hus steht. Da die Kaiserwahl nicht im Sinne des Papstes entschieden wird – er hatte eine habsburgische Umklammerung durch Karl V., König von Spanien, vermeiden wollen – und Luthers Erklärungen sich rasant verbreiten und zunehmend für Unruhe sorgen, wird die römische Kirche Mitte 1520 wieder tätig. Am 15. Juni wird eine Bannandrohungsbulle an Luther geschickt, mit der Aufforderung innerhalb von 60 Tagen seine Lehren zu widerrufen.

Besagte 60-Tage-Frist gilt aufgrund der langen Reisezeiten im Mittelalter ab Sendungserhalt, doch Luther hat sich zu dieser Zeit schon von der Papsthörigkeit gelöst. Er verbrennt die Bulle öffentlich und wird am 3. Januar 1521 exkommuniziert.

Damit gilt Luther in den Augen der Kirche als rechtlos, allerdings hilft ihm einmal mehr Friedrichs diplomatisches Wirken.

So kommt es, dass Kaiser Karl V. Luther zur Anhörung auf den Wormser Reichstag zitiert. Doch eine Verteidigung Luthers ist gar nicht vorgesehen, vielmehr soll er nur seine Thesen widerrufen. Das tut Luther nicht, Karl V. verhängt die Reichsacht über ihn.  

Aus der Kirche ausgeschlossen, rechtlos und vogelfrei: Luther schwebt auf seiner Rückreise gen Wittenberg in Lebensgefahr. Da ist es erneut Friedrich der Weise, der seine Hand schützend über ihn hält. Er beauftragt seinen Geheimsekretär Georg Spalatin mit einem gewagten Plan – Luther soll in Schutzhaft genommen werden. Doch echt muss es wirken, wie ein Raubüberfall, nur wenige dürfen eingeweiht sein. Und es eilt! Spalatin gelingt die Inszenierung – die Beteiligten kennen ihre Rollen und eine geeignete Bühne ist gefunden: der Glasbachgrund.

Dort, wo heute das 1857 gestiftete Lutherdenkmal steht, wird am 4. Mai 1521 aus dem Wittenberger Professor Martin Luther der einfache Junker Jörg. Auf riesigen Umwegen führen ihn die „Räuber“ nachts gen Eisenach auf die Wartburg, wo er im Herbst des gleichen Jahres in nur 11 Wochen das Neue Testament ins Deutsche übersetzt.

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